Chronische EntzĂŒndungskrankheiten:
Eine anhaltende BĂŒrde

Das Wichtigste auf einen Blick:

  • CIE/IBD ist eine hĂ€ufige, chronische und rezidivierende Erkrankung bei Hunden.
  • CIE beeintrĂ€chtigt die LebensqualitĂ€t sowohl der Tiere als auch ihrer Halter und Halterinnen erheblich.
  • Diagnose und Behandlung sind komplex und erfordern oft eine Langzeittherapie.
  • Die hohe Zahl unzureichend eingestellter Patienten unterstreicht den Bedarf an neuartigen, krankheitsmodifizierenden Therapien.

Chronisch-entzĂŒndliche Erkrankungen (wie z. B. CIE) sind nach wie vor schwer zu behandeln – viele Patienten sprechen nur unvollstĂ€ndig auf die Therapie an, erleiden RĂŒckfĂ€lle und sind einer hohen behandlungsbedingten Belastung ausgesetzt.

Chronisch-entzĂŒndlichen Erkrankungen sind:

  • meist fortschreitend
  • hĂ€ufig unterdiagnostiziert
  • mit wiederkehrenden klinischen Symptomen verbunden
  • symptomatisch mit Immunsuppressiva (z. B. Steroiden) behandelt
  • mit einer verminderten LebensqualitĂ€t fĂŒr Haustiere und ihre Halter und Halterinnen verbunden

Daher besteht ein großer ungedeckter Bedarf an neuartigen, krankheitsmodifizierenden AnsĂ€tzen.

Kritische Herausforderungen bei chronisch-entzĂŒndlichen Darmerkrankungen

Magen-Darm-Symptome sind einer der hĂ€ufigsten GrĂŒnde, warum Tierhalter und Tierhalterinnen tierĂ€rztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Bis zu 20–30 % der Tierarztbesuche bei Haustieren stehen im Zusammenhang mit Erbrechen oder Durchfall oder beidem (O’Neill DG et al. 2014).

Der Oberbegriff „chronisch-entzĂŒndliche Enteropathie“ (CIE) beschreibt eine Gruppe von Magen-Darm-Erkrankungen mit anhaltenden oder wiederkehrenden gastrointestinalen Symptomen, die ≄ 3 Wochen andauern, sowie einer unterschiedlich ausgeprĂ€gten SchleimhautentzĂŒndung, nachdem metabolische, infektiöse oder neoplastische Ursachen ausgeschlossen wurden.

Je nach betroffenem Abschnitt des Magen-Darm-Trakts und dem Ausmaß der SchleimhautentzĂŒndung variieren die klinischen Symptome; insbesondere Durchfall, Erbrechen, AppetitverĂ€nderungen oder Gewichtsverlust (Jergens E 2022).

Pathogenese der CIE

Die genaue Pathogenese ist noch nicht vollstÀndig geklÀrt und gilt als multifaktoriell. Zu den möglichen Einflussfaktoren zÀhlen:

  • gestörte Immunreaktionen der Schleimhaut
  • genetische AnfĂ€lligkeit
  • VerĂ€nderungen des Darmmikrobioms (Dysbiose)
  • beeintrĂ€chtigte Darmbarrierefunktion
  • Antigene aus der Nahrung
  • Umweltfaktoren
*Der Begriff CIE wird bei Hunden dem Begriff IBD vorgezogen, da er die vielfÀltigen Ursachen und Behandlungsreaktionen bei chronischen Magen-Darm-Erkrankungen besser widerspiegelt.
Veraltete Terminologie Neue Terminologie
IBD = Inflammatory Bowel Disease - EntzĂŒndliche Darmerkrankung* CIE = Chronic Inflammatory Enteropath - chronisch-entzĂŒndliche Enteropathiey
CIE-Untertypen    
ErnÀhrungsbedingte Enteropathie - Food-responsive Enteropathy (FRE) Immunsuppressiva-induzierte Enteropathie - unosuppressant- responsive Enteropathy (IRE) Nicht-ansprechende Enteropathie - Non-responsive Enteropathy (NRE)

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Pathophysiologie der CIE

Der gesunde Darm

Im gesunden Darm besteht ein komplexes Gleichgewicht zwischen dem Schutz vor Bakterien und externen Antigenen UND der Toleranz gegenĂŒber der körpereigenen physiologischen Mikrobiota = Homöostase

Der Darm bei CIE

Aktuelle Erkenntnisse deuten darauf hin, dass genetisch anfĂ€llige Hunde eine unangemessene, ĂŒbermĂ€ĂŸige Immunreaktion auf luminalen Antigene entwickeln, darunter Nahrungsbestandteile und Darmmikroorganismen.

Diese Immundysregulation fĂŒhrt zu

  • chronischen DarmentzĂŒndungen,
  • VerĂ€nderungen im Darmmikrobiom (Dysbiose),
  • einer BeeintrĂ€chtigung der Epithelbarriere
  • sowie VerĂ€nderungen im mikrobiellen Stoffwechsel.

Die daraus resultierende SchleimhautentzĂŒndung kann die NĂ€hrstoffaufnahme und die Darmfunktion beeintrĂ€chtigen, was zu verschiedenen chronischen gastrointestinalen Symptomen fĂŒhrt.

Klinische Symptome der CIE

Die klinischen Symptome können je nach betroffenem Abschnitt des Magen-Darm-Trakts und Schweregrad der Erkrankung variieren:

  • Chronischer Durchfall (DĂŒnndarm, Dickdarm oder beides)
  • Erbrechen
  • Gewichtsverlust
  • VerĂ€nderter Appetit (Hyporexie, Anorexie oder Polyphagie)
  • BauchgerĂ€usche
  • BlĂ€hungen
  • Bauchbeschwerden
  • Lethargie
  • Aszites oder periphere Ödeme (bei proteinverlustbedingter Enteropathie)

KrankheitsbĂŒrde fĂŒr Haustiere und ihre Halter und Halterinnen

Die Belastung durch CIE geht ĂŒber die klinischen Symptome hinaus. Als chronische und oft rezidivierende Erkrankung kann CIE sowohl das Wohlbefinden des Patienten als auch die LebensqualitĂ€t (QoL) der HalterInnen erheblich beeintrĂ€chtigen. Studien zeigen, dass

  • Hunde mit CIE im Vergleich zu gesunden Hunden eine deutlich geringere allgemeine LebensqualitĂ€t aufweisen und bei einigen Parametern sogar eine geringere LebensqualitĂ€t als an Krebs erkrankte Hunde [Marchetti V 2021]
  • Der Schweregrad der Erkrankung stand in direktem Zusammenhang mit schlechteren LebensqualitĂ€tswerten [Marchetti V 2021]

Betroffene Hunde benötigen hÀufig eine lebenslange tierÀrztliche Betreuung.

Dies stellt fĂŒr die HalterInnen eine erhebliche emotionale und finanzielle Belastung dar. [Dandrieux 2019, Heilmann RM 2026, Bandara Y 2023]

Hunde und Katzen mit schweren oder therapieresistenten FĂ€llen haben eine deutlich schlechtere Prognose, da die Erkrankung das Überleben erheblich beeintrĂ€chtigen kann.

  • Studien zeigen hohe Raten an TodesfĂ€llen oder EinschlĂ€ferungen aufgrund von Magen-Darm-Erkrankungen bei Hunden mit therapieresistenter Erkrankung [Allenspach K et al. 2007; Craven M et al. 2004]
  • Eine retrospektive Studie an 65 Katzen mit CE ergab, dass 20 Katzen aufgrund einer Magen-Darm-Erkrankung eingeschlĂ€fert wurden, was das Potenzial fĂŒr eine erhebliche Sterblichkeit trotz Behandlung unterstreicht [Bandara Y 2023]

Insgesamt stellt die CIE eine erhebliche chronische Krankheitslast dar, bedingt durch ihre Auswirkungen auf die LebensqualitÀt der Patienten, das Wohlbefinden der HalterInnen, den anhaltenden Bedarf an tierÀrztlicher Versorgung und wirksamen Langzeitbehandlungsstrategien sowie das Risiko eines Krankheitsfortschritts, der eine Euthanasie erforderlich macht. [Marchetti V 2021, Bandara Y 2023]

PrÀvalenz von CIE bei Hunden

  • Die PrĂ€valenz von CIE bei Hunden liegt bei bis zu 2 % [Dandrieux JR. 2016]
  • Jeder Hund, unabhĂ€ngig von seiner Rasse, kann von CIE betroffen sein [Kathrani A et al. 2011]

Subtypen der CIE bei Hunden

GemĂ€ĂŸ den ACVIM-Konsensusleitlinien 2026 zur CIE bei Hunden lĂ€sst sich die CIE bei Hunden in folgende Kategorien einteilen:

  1. Futtermittel-responsive Enteropathie (FRE) = Hunde mit klinischer Remission nach diÀtetischer Behandlung
    • hĂ€ufigste Form der CIE
    • macht bis zu 70 % der CIE-Patienten aus
    • betrifft hĂ€ufig jĂŒngere Hunde, kann jedoch in jedem Alter auftreten
  2. Immunsuppressiva-responsive Enteropathie (IRE) = Hunde, bei denen allein durch eine diÀtetische Behandlung keine Remission erreicht wird
    • benötigen eine immunmodulatorische oder immunsuppressive Therapie
    • eine histopathologische DarmentzĂŒndung liegt hĂ€ufig vor
  3. Nicht-responsive Enteropathie (NRE) = Hunde, die nicht ausreichend auf eine Behandlung mit Kortikosteroiden oder anderen Immunsuppressiva ansprechen
    • betrifft etwa 15–43 % der als IRE klassifizierten Hunde [Jergens AE 2022]
    • die NRE beim Hund ist eine schwerwiegende und lebensbedrohliche Erkrankung

Untergruppen chronisch-entzĂŒndlicher Enteropathien bei Hunden

Diagnose einer CIE

GemĂ€ĂŸ den aktuellen Leitlinien zur chronischen Enteropathie bei Hunden (Heilmann 2026) und Katzen (Marsilio S. et al. 2023) erfordert die Diagnose einer CIE einen integrierten, schrittweisen Ansatz, um eine Mindestdatenbasis zu schaffen und relevante Erkrankungen auszuschließen, die eine CIE vortĂ€uschen.

Diagnostisches Vorgehen bei Haustieren

Möchten Sie mehr ĂŒber die Diagnose einer chronischen Enteropathie bei Hunden erfahren?

Aktuelle Behandlungsmöglichkeiten bei CIE

„Chronische Enteropathie“ (CE) ist ein heterogenes klinisches Syndrom, das aufgrund seiner KomplexitĂ€t einen multimodalen Therapieansatz erfordert. Das klinische Ansprechen auf die Behandlung bleibt der wichtigste Prognoseindikator.

Behandlung von CIE bei Hunden

Antibiotika vermeiden (nur bei strenger Indikation)
Futtermittel-responsive Enteropathie - Food-responsive CIE (FRE) Immunsuppressiva-responsive Enteropathie - Immunmodulatory-responsive CIE (IRE) Nicht-responsive Enteropathie - Non-responsive CIE (NRE)
Therapeutische ErnÀhrung Immunsuppressiva + therapeutische ErnÀhrung Stuhltransplantation (FMT) als mögliche ergÀnzende Option
± Einnahme von Vitamin-B-PrĂ€paraten ± Einnahme von Vitamin-B-PrĂ€paraten  
± PrĂ€-/Pro- und Synbiotika ± PrĂ€-/Pro- und Synbiotika  
     
Wenn 3 ErnĂ€hrungsversuche fehlschlagen = Medikamente hinzufĂŒgen NEW OPTION COMING SOON: Zugelassene, gebrauchsfertige mesenchymale Nabelschnur-Stammzellen NEW OPTION COMING SOON: Zugelassene, gebrauchsfertige mesenchymale Nabelschnur-Stammzellen
Coming soon

Ein neues therapeutisches Paradigma in der VeterinÀrmedizin.

Quellen

  1. Jergens AE, Heilmann RM. Canine chronic enteropathy-Current state-of-the-art and emerging concepts. Front Vet Sci. 2022 Sep 21;9:923013. doi: 10.3389/fvets.2022.923013
  2. Allenspach K, Wieland B, Gröne A, Gaschen F. Chronic enteropathies in dogs: evaluation of risk factors for negative outcome. J Vet Intern Med. (2007) 21:700–8. doi: 10.1111/j.1939-1676.2007.tb03011.x bowel
  3. Craven M, Simpson JW, Ridyard AE, Chandler ML. Canine inflammatory disease: retrospective analysis of diagnosis and outcome in 80 cases (1995-2002). J Small Anim Pract. (2004) 45:336–42. doi: 10.1111/j.1748-5827.2004.tb00245.x
  4. Dandrieux JR. Inflammatory bowel disease versus chronic enteropathy in dogs: are they one and the same? J Small Anim Pract. (2016) 57:589 99. doi: 10.1111/jsap.12588
  5. Dandrieux JRS, Mansfield CS. Chronic Enteropathy In Canines: Prevalence, Impact And Management Strategies. Vet Med (Auckl). 2019 Dec 6;10:203-214.
  6. O’Neill DG, Church DB, McGreevy PD, Thomson PC, Brodbelt DC. Prevalence of disorders recorded in dogs attending primary-care veterinary practices in England. PLoS ONE. (2014) 9:e90501. doi: 10.1371/journal.pone.0090501
  7. Kathrani A, Werling D, Allenspach K. Canine breeds at high risk of developing inflammatory bowel disease in the south-eastern UK. Vet Rec. (2011) 169:635. doi: 10.1136/vr.d5380
  8. Heilmann RM, Jergens AE, Kathrani A, Allenspach K, Salavati Schmitz S, Priestnall SL, Dandrieux JRS, O'Connor AM. ACVIM-endorsed statement: consensus statement and systematic review on guidelines for the diagnosis and treatment of chronic inflammatory enteropathy in dogs. J Vet Intern Med. 2026 Jan 21;40(1):aalaf017.
  9. Marsilio S. Feline chronic enteropathy. J Small Anim Pract 2021; 62: 409–419
  10. Marsilio S, Freiche V, Johnson E. ACVIM consensus statement guidelines on diagnosing and distinguishing low grade neoplastic from inflammatory lymphocytic chronic enteropathies in cats. J Vet Intern Med 2023; 37: 794–816
  11. Henry CJ. Neoplasien des DĂŒnndarms. In: Steiner JM. Hrsg. Gastroenterologie bei Hund und Katze. 1. Aufl.. Hannover: SchlĂŒtersche; 2011: 219-222
  12. Rissetto K, Villamil JA, Selting KA. Recent trends in feline intestinal neoplasia: an epidemiologic study of 1,129 cases in the veterinary medical database from 1964 to 2004. J Am Anim Hosp Assoc 2011; 47 (01) 28-36
  13. Crisi PE, Giordano MV, Luciani A, Gramenzi A, Prasinou P, Sansone A, Rinaldi V, Ferreri C, Boari A. Evaluation of the fatty acid-based erythrocyte membrane lipidome in cats with food responsive enteropathy, inflammatory bowel disease and low-grade intestinal T-cell lymphoma. PLoS One. 2024 Jul 29;19(7):e0307757
  14. Marchetti V, Gori E, Mariotti V, Gazzano A, Mariti C. The Impact of Chronic Inflammatory Enteropathy on Dogs’ Quality of Life and Dog-Owner Relationship. Veterinary Sciences. 2021; 8(8):166.
  15. Bandara Y, Priestnall SL, Chang YM, Kathrani A. Outcome of chronic inflammatory enteropathy in cats: 65 cases (2011-2021). J Small Anim Pract. 2023 Mar;64(3):121-129.